Geschichten

Vor vielen Jahrhunderten lebte in einem fernen Land, in einer kleinen Hütte am Rande des Waldes, eine Familie mit zwei Kindern. Da die beiden Kinder sich sehr viel in der Natur aufhielten, hatten sie viele Freunde im Tierreich und fühlten sich bei diesen sicher und geborgen. Auch die Eltern hatten Vertrauen zu den Tieren.

So erlebten die Geschwister viele aufregende Abenteuer und eines Tages erzählte ihnen die alte Dachsdame eine Geschichte.

Igel Roll-mich-ein hatte seit kurzem weniger Stress und daher mehr Zeit in der Früh, also nützte er diese für erholsame Spaziergänge. So kam er am Bau der Familie Langohr vorbei. Aus dem Eingang drang lautes, schreiendes Toben, gefolgt von einer Staubwolke. Neugierig geworden, rollte sich der Igel den Eingang hinunter und landete mitten im frühmorgendlichen Geschehen.

Familie Langohr hatte drei Kinder, von denen zwei schon zur Hoppelschule gingen und das jüngste besuchte den Löffelkindergarten. Dass es in der Früh turbulent zuging, kann sich wohl jeder gut vorstellen. Als der Igel seinen Blick durch den Bau schweifen ließ, sah er Träumelein, das Jüngste in einer Ecke sitzen. Verträumt spielte es mit seinen flauschig weichen Ohren und war sichtlich in einer anderen Hasenwelt. Mutter Langohr war mit dem Richten der Jause beschäftigt, welche aus knackig süßen Karotten und einem Bund duftender Kräuter bestand. Zwischendurch wanderten ihre Gedanken schon zu anderen wichtigen Aufgaben, die sie heute noch zu erledigen hatte.

Währenddessen tobten die beiden Brüder von Träumelein wie wild durch den Bau. Das war nicht immer so, manchmal lagen sie noch in ihren Strohbetten und hatten absolut keine Lust aufzustehen. Mutter Langohr hob den Kopf und schenkte dem Igel einen traurigen, müden Blick. Dieser hatte großes Verständnis, er konnte gut nachempfinden wie es der Hasenmutter ging.
Hatte er doch selbst sieben Kinder und bis vor kurzem jeden Morgen ein ähnliches Schauspiel. Er liebte jedes einzelne, doch der Alltag war oft eine beinah unlösbare Herausforderung.

„Ich liebe meine Kinder, aber der tägliche Frühmorgenwahnsinn und der zu Bett geh Horror lassen mich oft daran zweifeln“, seufzte die Häsin. „Das veranlasst mich dann immer wieder, ungeduldig und ungerecht mit ihnen umzugehen, dabei fühle ich mich sehr traurig und überfordert.“

Roll-mich-ein sagte, dass es ihm ähnlich ergangen sei und er daraufhin die weise Eule aufsuchte um ihr sein Leid zu klagen und sie um Rat zu bitten.

Diese lauschte sehr aufmerksam und stellte dann folgende Fragen:

„Weißt du DEINE eigenen Bedürfnisse? Weißt du DEINE eigenen Wünsche und Ziele? Kennst du DEINE Fähigkeiten?
Weißt du von jedem einzelnen deiner Kinder die Bedürfnisse und Wünsche, kennst du IHRE Fähigkeiten?“

Der Igel war enttäuscht und ratlos, er hatte sich Tipps und Ratschläge erhofft aber sicher keine Fragen. Er
verstand nicht, was diese mit seiner Situation zu tun haben sollten.

Erschöpft rollte er sich zusammen und schlief ein. Als er aufwachte, konnte er sich an Bilder, Lachen und viele Gemeinsamkeiten mit seinen Kindern erinnern. Er spürte immer mehr und mehr was er gerne hätte, was er alles wirklich gut konnte und was er sich wünschte. Wie von selbst erkannte er all die Fähigkeiten die jedes einzelne seiner Kinder hatte. Wie Geschichten erzählen, Blätterburgen bauen, Würmer aufstöbern, singen, laufen, den Bau sauber halten, oder Purzelbäume rollen. Ja, jedes seiner Kinder konnte etwas ganz besonders gut. Je öfter sie die Möglichkeit hatten ihre Fähigkeiten leben zu können, umso zufriedener und ausgeglichener waren sie. „Besonders schön daran ist, sie sind dann so kuschelig und das macht mich sehr glücklich“, strahlte Roll-mich ein.

Zufrieden mit dieser Erkenntnis hatte es der Igel sehr eilig nach Hause zu kommen. Abermals vernahm er die Stimme der Eule: „Das Wissen alleine genügt nicht! Wichtig ist , dieses Wissen in die Tat umzusetzen!“

Recht bald verstand er die letzten Worte der weisen Eule. Tun war angesagt. „Seitdem läuft es viel entspannter und friedvoller“, berichtete der Igel.

Mutter Langohr dachte erst nach und dann sagte sie: „Das hört sich ja alles sehr gut an, aber meinen Eltern ist es genauso wie mir ergangen und sie haben es so gemacht, wie ich jetzt auch. Sie haben es wiederum von ihren Eltern gelernt.“
Der Igel Roll-mich-ein blickte mit lachenden Augen zur Hasenmutter und sagte: „ Du hast aber jetzt eine Möglichkeit etwas Neues dazu zu lernen, einen neuen Weg zu gehen, der es dir und deinen Lieben leichter macht. Besuche die weise Eule und sei neugierig, was sie dich fragt und dir erzählt.“

Ein Weilchen dachte Mutter Langohr über die Worte des Igels nach, doch bald sah man sie mit kräftigen Sätzen in Richtung der weisen Eule hoppeln.

Die Kinder wollten von der Dachsdame wissen, wie es mit Familie Langohr weiterging. Doch die alte Dame hatte nichts mehr von ihr gehört und das nahm sie als ein gutes Zeichen.

Über der spannenden Erzählung hatten die Kinder die Zeit vergessen. Sie beeilten sich rasch nach Hause zu kommen, wollten sie doch ihren Eltern von der Geschichte berichten. Auf dem Heimweg stimmten beide überein, sie waren sehr zufrieden mit ihren Eltern. Denn diese ließen sie Verschiedenes ausprobieren, trösteten sie wenn einmal etwas schief ging und ermunterten sie es nochmals zu versuchen. Ja, sie durften Fehler machen und das war in Ordnung. Zu Hause angekommen, warfen sie sich in die Arme der Eltern und drückten diese ganz fest an sich. Die Erwachsenen wechselten fragende Blicke, noch wussten sie nicht, was die Kinder heute erlebten.

Helga Kohlfürst, Luise Kirchberger